Elektronische Musik

(Oskar Sala, Gespräch vom 1. September 1989)

Hatten Sie damals auch Kontakte zum Kölner Studio für Elektronische Musik?

Ich habe mir damals mit Herrn Beyer1 das Kölner Studio angesehen, und wie ich das so sehe und sagte, »wie ist denn das mit den Tönen«, da dreht er einen an und dann kam so ein ppppffffrrrr, irgend so ein Messton dabei heraus. Sag ich, »um Gottes Willen, was ist denn los, nicht so laut«. – »Laut nennen sie das?« – Sage ich, »ich muss mir die Ohren zu halten!« – »Das machen wir immer so«. – »Und das halten Sie aus?« – Und da sage ich, so kann man doch nicht arbeiten, da wird man ja verrückt von. Messtöne sind an sich schon etwas Entsetzliches.

 

Ich habe jetzt in Bourges Pousseur2 gehört, er war da und hat etwas vorgeführt; er ist ja so ein lebendiger und netter Mensch, so temperamentvoll und spricht natürlich fabelhaft, spricht Englisch, fließend Französisch. Ich habe ihn beneidet, ich mit meinen lächerlichen Sprachkenntnissen, ich habe meinen Vortrag auf Englisch gehalten, aber das ist für mich immer eine Aufgabe. Und da hat er nun etwas vorgeführt, also ich muss sagen, er hat mir leid getan. Da war eine Art von Frequenzen, die sich so anhörten, dass ich hier sagen würde, was ist hier nicht in Ordnung. Er hat interessante Sachen gemacht, aber zum Hören so grauenvoll. Wie kann ein Mensch, der so lebendig und nett ist, die Ästhetik so wegschmeißen und sich mit solchen Klängen begnügen, das war mir einfach ein Rätsel. Gut ich habe es angehört, aber es gab nicht eine einzige Ausnahme, er hat sich mit diesen Frequenzen abgegeben, er hat interessante Mischungen gemacht, aber es klang immer wie der letzte Labordreck, also das, was hier bei mir nach Möglichkeit rausgeschmissen wird.

 

Ich meine es ist ja nicht so, als ob die Elektronische Musik damals nun ein Beginn aus dem Nichts wäre, die Elektronik hat ja schon 20 Jahre vorher gewirkt. Für mich war klar, dass ich lieber ein Konzert wie Genzmer (Mixturtrautoniumkonzert) spiele, als dass ich mich hinsetze und Spintisierereien mache und mich sozusagen vergesse und sage, da ist ein wunderbarer Plan von mir, jetzt mache ich den mal; das wäre völlig ausgeschlossen gewesen. Ich habe mich weder darüber gewundert, dass die in Kranichstein unter sich waren, ich war ja auch unter mich (!), aber zu sagen, dass in der Vergessenheit versunken wäre, das verstehe ich überhaupt nicht. Ich war ständig in der Öffentlichkeit, ständig im Theater, ständig im Konzert, dann kamen noch das Fernsehen und der Rundfunk  – in Bayreuth war ich auch noch –, und nun möchte ich wissen, wie da jemand sagt, der war gar nicht mehr da, was soll man denn sonst noch machen. Das ist mir unbegreiflich. Und ich bin auch nicht im mindesten frustriert, wovon soll ich denn frustriert sein, im Gegenteil, was kann sich denn jemand mehr wünschen, als dass die Aufträge reinkommen, dass man sie kaum noch bewältigen kann. So ist es mir doch ergangen. Da wurde dann geschrieben, die Musik wird dann dadurch bestimmt, dass der soviel gemacht hat, deshalb hat er sich durchgesetzt. Die Rundfunkstudios konnten das nicht so machen, weil sie nicht so viel produzieren konnten und im Film, da waren sie sowieso nicht so firm. Der eigentliche Grund ist doch der, dass man mit dieser Art Elektronik, die nun so weit gegangen war, einfach tolle Sachen machen konnte, und dass die andere Elektronik ganz neu war und man etwas ganz anderes machen musste. Aber das hat doch damit nichts zu tun, dass dies nun das einzige ist, und das andere ist nichts. Wie kann man nur auf so eine verrückte Idee kommen; müssen sie denn alle vor Herrn Stockhausen Kniefälle machen? Man kann doch kaum ein Ding aufmachen, auf der ersten Seite Stockhausen und manchmal kommt er auf der letzten Seite auch noch vor. Ich meine, ich habe da gar nichts dagegen, nur es muss doch auch einmal eine kritische Stimme geben.

Und wie sie damals hergezogen haben: Interpretation, das wollen wir nicht. Man kann sich ja auch ändern, das war ja selbstverständlich, dass so etwas auf die Dauer nicht durchgehalten werden kann. Aber nun frage ich mich, das junge Volk, das nun ranwächst, muss doch irgendwann einmal eine kritische Nase kriegen, muss doch mal eine kritische Ader kriegen, muss doch mal sehen was hier ist und was hier ist, dass das zwei Dinge sind, die man gar nicht so vergleichen kann. Nun bin ich nicht unbedingt auf das Repertoire stolz, aber man kann ja nun nicht so tun, als ob das nichts wäre, denn Filme machen ist auch nicht so leicht! Und wenn jemand zu Hitchcock oder gar bis zur goldenen Palme in Cannes3 kommt, dann sage ist: erst mal machen, erst mal nachmachen! Das ist keine Kinderei, sich hinsetzen und das Geld mit Filmen verdienen. Und insofern möchte ich sagen, bin ich von allem so schön abgeschlossen worden, das hatte den wunderbaren Vorteil immer ganz allein zu sein, eigene Stücke machen zu können, genug Geld zu haben, mir alles leisten zu können, meine Eigenapparate zu konstruieren – nur die, die ich brauchen kann, die ich nicht brauchen kann, will ich nicht – also besser kann es doch gar nicht sein. Ich sage das nur, weil ich immer mal wieder lese – bei Ihnen habe ich das nicht so gelesen – aber ich kenne noch andere Sachen, wo ich nur sagen kann, mein Gott, mein Gott, weshalb müssen sie denn vor dem einen alle auf die Füße fallen. Stockhausen und ich, wir haben uns mal in Basel kennengelernt auf einem Fest, schön, na ja, man sagt sich guten Tag, sonst war nichts, aber wir waren weder so noch so, noch hat jemand gegen den anderen geschrieben, im Gegenteil, wenn ich gefragt werde, sage ich immer, es ist doch schön wenn jemand mal etwas anderes macht, aber man muss doch nun nicht sagen, ja das ist der Turm und ihr wimmelt da hinten rum.

Ich wollte das einmal erwähnen, weil man diese Dinge völlig falsch sieht. Wenn jemand das Glück hat, so in die Produktion reinzukommen, dann kann man doch nur Glück wünschen. Ich kann sagen, wenn jemand hier etwas lernt, würde ich sagen, komm, sieh zu, ein eigenes Studio und dann möglichst in die Produktion kommen; natürlich muss er komponieren können und spielen muss er auch können, das setzt man voraus, sonst braucht er so etwas nicht anzuschaffen. So wären die Ziele. Aber das ist allerdings das, was mich ein bisschen frustriert, dass es jetzt so aussieht, dass ich schon wieder allein mit dem Ding auf der Welt bin.

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    1. Robert Beyer, 1901-1989, gehörte zu den Gründern des weltersten Studios für Elektronische Musik in Köln. Beyer sah die serielle Musik als ein vorübergehendes Stadium und hielt eine völlig freie Klangfarbenmalerei für notwendig, für die seriellen Regeln nur hinderlich waren. Wegen dieser Differenzen schied er als Mitarbeiter aus dem Studio aus. []
    2. Henri Pousseur, 1929-2009, war ein belgischer Komponist und Theoretiker, arbeitete am Studio di fonologie di RAI in Mailand und später am Studio für elektronische Musik in Köln. 1958 gründete er in Brüssel das Studio de musique électronique Apelac. []
    3. Sala erhielt 1963 mit A Fleur d’Eau die Palme d’Or du court-métrage, die goldenen Palme für den besten Kurzfilm. Ebenfalls eine Auszeichnung, den Grand Prix beim Industriefilm-Festival in Rouen 1960, erhielt er für den Mannesmann-Industriefilm Stahl. Thema mit Variationen. []