Das neue Mixturtrautonium

(Oskar Sala, Gespräch vom 1. September 1989)

Könnte man das Mixturtrautonium als Synthesizer bezeichnen?

Also die technische Klangerzeugung bei den verschiedenen Synthesizern kenne ich nicht so genau. Die dürfte aber ähnlich sein wie hier, vielleicht nicht so scharf auf Mixturen gerichtet wie beim Trautonium. Ich glaube nicht, dass da die Frequenzteilung eine so große Rolle spielt. Aber in den Klangfarben ist es schon ziemlich anders, denn wir haben immer noch unsere Formantkreise: Jede Stimme hat ihren Formantkreis und hat natürlich auch anderes, aber sie hat mindestens einen Formantkreis, und das ist soweit ich Synthesizer kenne nicht der Fall. Jede Taste müsste dann letzten Endes einen Formantkreis haben, das wären achtzig, siebzig oder sechzig, und ob dieser Aufwand gemacht wird, glaube ich nicht. Und dann die Mixturen… Letzten Endes sind alle Klangmöglichkeiten, die von der Tastatur ausgehen, prinzipiell mit irgendetwas anderem behaftet, als hier, die Spielweise wirkt sich natürlich auf die Klänge aus, selbst wenn sie gleiches konstruieren. Ich bin nicht überzeugt, dass man das einfach sampeln kann, da sind hier viel zu viele Feinheiten, die ein Sampler gar nicht mehr erfassen kann.

Bei Ihrem Treffen mit Bob Moog sagte er Ihnen, dass Sie in Amerika sehr bekannt seien.

Ja, ja, das sagte er mir. Da gibt es ein paar Leute, die haben ein paar Aufsätze über mich geschrieben drüben; unter den Fachleuten sei ich da kein Unbekannter.

Und es wurde nie versucht, die Klangerzeugung mit einer Saite als Zugriffsmöglichkeit zu kombinieren?

Das hätte er ja einmal versuchen können oder versucht es vielleicht ja auch noch einmal. Sie haben wohl schon allerhand versucht, es wird immer wieder gemunkelt, aber ob sie so etwas hinbekommen; aber man hört ja nichts, es ist wohl doch nichts da1. Nun ja, es sind natürlich ein paar Finessen mit dieser Saitentechnik verbunden, ob sie es nun nicht riskieren, weil sie sich sagen, wer soll denn das dann spielen, wenn es fertig ist. Auch bei mir waren doch schon genug von den Leute mit Synthesizern da, aber keiner der sagte, wie macht man denn das bloß, das hätten wir jetzt noch so gerne. Es ist grotesk, ich muss vielleicht doch erst mal sterben, vielleicht kommt dann jemand, der sagt, jetzt sind Sie nicht mehr da, jetzt wollen wir es einmal probieren, jetzt sind wir wenigstens den los. Es klingt brutal, aber es muss doch so sein. Es ist ja ganz unwahrscheinlich, dass ich immer noch herumsitze hier mit dem einen Ding und niemand sonst hat es.

Nun gibt es ja immerhin zwei, von denen eines wieder transportabel ist.

Und nachbaubar. Bei den Kosten wagen die Professoren2 keine Schätzungen. Es wird hauptsächlich Ingenieurhonorare kosten, vielleicht so zwischen 100.000,- DM und 200.000,- DM. Wenn man die Professoren für diese viele Arbeit hätte bezahlen müssen, dann wäre es noch teuerer geworden, das sind ja Fachleute aller ersten Ranges. Bei diesem Instrument hätte ich noch selber viele Vorschläge, was man noch machen könnte und was man nicht zu machen braucht. Sie haben viel überflüssiges drin. Man müsste jetzt weiter daran basteln. Jetzt fehlen ein paar Sponsoren-Firmen, die dafür geschaffen wären, mit ein paar intelligenten Ingenieuren, die sich da einzurichten und dann so etwas weiter entwickeln. Ich würde mich gerne bereit erklären, da mitzuarbeiten, Vorschläge zu machen, wie man solche Instrumente bauen könnte, mit einigen Sachen, bei denen ich jetzt schon selber weiss, was man machen kann und was hier gemacht ist und was man weglassen kann, wo es nicht notwendig ist. Hier, vier Rauschgeneratoren, einen brauche ich, die anderen können alle weg, was braucht man mehr als einen Rauschgenerator, es rauscht dann eben. Und dann gibt es hier noch viele Knöpfe, die sind alle umsonst. Da könnte man besser andere Sachen machen. Und dann dieser wunderbare Superknopf, dieser Dur-Terz-Knopf, der könnte ruhig mehrfach da sein, das wäre wichtig. Jetzt muss man die noch alle umstimmen, ich kann mir eine Mixtur zusammenstellen, die dann in Oktaven gewechselt werden kann, die aus vier Halbtönen besteht und ganz hoch geht. Könnte man alles machen, mit dieser Technik geht das alles. Phantastisch, phantastisch. Die analoge Klangerzeugung wurde beibehalten, muss beibehalten werden, das einzige, was noch einmal digital sein muss, ist, dass die Registrierung abspeicherbar wird. Das muss noch sein. Das ist der nächste Schritt, der unbedingt sein muss, damit man das nicht so kompliziert einstellen muss3.

Trautonium-neu-300x189 in Das neue Mixturtrautonium
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    1. Hierzu ist im Wikipedia-Artikel über Das Trautonium folgendes zu lesen: »In den 1990er Jahren wurde von der Firma Doepfer ein Projekt gestartet, das Trautonium als modulares System einzelner Komponenten neu aufzulegen. Unter anderem wurde dazu die dem analogen Manual des Trautoniums angelehnte Schnittstelle ›MIDI Ribbon Controller‹ entwickelt. Sala selbst zeigte sich dabei aber des Öfteren enttäuscht von den reduzierten Möglichkeiten (die Verwendung von MIDI bringt eine Einschränkung des prinzipiell unbegrenzten analogen Tonumfangs auf diskrete MIDI-Tonhöhen mit sich) und den nur langsamen Fortschritten dieser Entwicklung. Darüber hinaus hob Sala die sehr nuancierte Spielweise eines ›echten‹ Bandmanuals gegenüber einem Ribbon-Controller oft hervor.« []
    2. Es handelt sich um die Professoren Dipl.-Ing. Hans-Jörg Borowicz, Dr. Dietmar Rudolph und Dr. Helmut Zahn, die mit Studenten und der Werkstatt der Fachhochschule in den Jahren 1982 bis 1984 das Instrument als Projektarbeit unter Einbeziehung von Studien- und Diplomarbeiten konstruierten. []
    3. Diese Neuerung wurde inzwischen eingebaut. []