Die Rundfunkversuchsstelle

(Oskar Sala, Gespräch vom 1. September 1989)

Wie war denn die Atmosphäre an der Rundfunkversuchsstelle? Das fiel ja in eine Zeit, in der die Hochschule eine richtige Blüte erlebte, mit Franz Schreker1 als Direktor und so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Hindemith und Schönberg als Lehrer.

Ja, nur Schönberg war nicht bei uns an der Hochschule2, der war an der Akademie, ein Hochschulprofessor war er nicht, er hat sich an die Akademie begeben und war dort Mitglied. Wie das damals an der Akademie war, weiß ich allerdings nicht.

Aber trotzdem war die Hochschule phantastisch besetzt, mit all diesen Solisten, die da waren, es war eine tolle Zeit für einen Studenten unter solchen Koryphäen, gerade wenn man dann noch mit Hindemith gleich in persönlichen Kontakt kam. Man hatte einige Lehrende aus nächster Nähe, wir – Genzmer und ich – waren ja oft bei Hindemith eingeladen; er sagte: »Komm ‘se mit, wir machen da…«. Und da waren sie alle versammelt, Feuermann und Wolfsthal und da ging es musikalisch richtig los, da haben sie auch etwas gespielt. Es war also hochinteressant und bei den Opern waren wir natürlich auch alle, da konnten wir die Proben mitmachen und die Aufführungen, es war eine interessante Zeit und dann natürlich hier das Trautonium; es war für mich unwahrscheinlich. Und ich habe mir auch gar keine großen Gedanken gemacht, wenn jemand sagte, was machst du denn da, wird das was werden, und die Zeit, ist die nicht verplempert? War überhaupt keine Idee daran, das ging mit voller Kraft hinein, und dann plötzlich war man drin eingewickelt, das war also fabelhaft.

Der Mensch, der das alles an der Hochschule organisiert hat war Schünemann. Ich hatte den Eindruck, dass Schreker der Hochschule zwar natürlich vorstand, aber sich in solche weiteren Interna gar nicht eingemischt hat. Also wenn ich ehrlich bin, habe ich Schreker glaube ich überhaupt nie kennengelernt an der Hochschule. Er hat sich da nicht sehen lassen, er war nicht da. Mit wem wir immer verhandelt haben, wer alles gemacht hat, das war Schünemann. Also man kann sein Verdienst an der Rundfunkversuchsstelle als einzigartig einschätzen. Ich glaube, dass Schreker außer ›ja‹ gesagt nicht viel getan hat. Vielleicht hat er uns finanziell unterstützt, aber auch das war nicht nötig, denn Schünemann war mit Kestenberg3 so eng befreundet, dass der Kontakt über das Ministerium direkt war.

Also Schünemann war ganz rührig ohne ihn wäre nichts passiert. Und Hindemith hätte von sich aus auch nichts machen können, er war ja schließlich kein Mann der Rundfunktechnik und der Rundfunkakustik, da musste ihm jemand kommen, der so etwas einrichtet. Schünemann hat die Fachleute herangeholt, die das geschafft hatten. Das waren Ingenieure aus der Industrie, es waren sicher auch noch andere da, ich habe gar nicht alle kennengelernt. Ich hatte das Gefühl, dass das eine Sache war, bei der eigentlich der Organisator wichtig war und das Ministerium wichtig war und auch der entsprechende Mann im Hochschulsekretariat, der das Geld geben musste und natürlich die Taschen zugehalten hatte, aber wie sich dann natürlich Hindemith eingesetzt hat – das war auch das Fabelhafte, wenn dann der große Meister selber mitmacht – dann wurde schon mal großzügig gearbeitet. Dann haben wir noch einen Mechaniker engagiert, denn Trautwein hätte es gar nicht allein geschafft, er war ja immer noch beruflich eingespannt; also die Bemerkung, die manchmal steht, dass er seinen Beruf aufgab und gleich an die Rundfunkversuchsstelle ging, also ausgeschlossen, er war in der Industrie und hat da sein Geld verdient.

Aber Postrat war er zu dieser Zeit nicht mehr, oder?

Doch, Postrat auf Wartestand. Was das nun ist, wie man da nun bei der Post ist, ob man da nun Geld bekommt oder ob man sagen kann, ich möchte wieder zu euch zurückkommen, dass weiß ich nicht. Postrat a.W. hieß das, auf Wartestand.

Haben Sie denn auch die anderen Abteilungen an der Rundfunkversuchsstelle kennengelernt, ich denke z.B. an Max Butting4 und seine Rundfunkkompositionen?

Na ja…, ich konnte ja nun nicht gut bei Max Butting Rundfunkkomposition studieren, wenn ich bei Hindemith Kompositionsschüler war. Ich habe Butting kennengelernt, ja, es waren alles sehr nette Leute, aber von den Kursen habe ich nichts mitbekommen und nichts mitgemacht. Außerdem hätte ich gar keine Zeit gehabt noch Kurse zu machen.

Man muss sich das so vorstellen, dass mit mir nun ein junger Mann da war, der die drei Instrumente, die damals existierten, nicht nur mitbaut, sondern auch natürlich einrichten muss, denn – das ist doch klar – wenn die Herren zur Probe kamen, dann war natürlich alles eingestimmt, bei Schmidt und bei Hindemith und bei mir selbstverständlich auch; damit hatte ich alle Hände voll zu tun. Und nebenbei habe ich auch noch das Kompositionsstudium weitergemacht. Da konnte ich mich bei den anderen überhaupt nicht beteiligen; einmal ein bisschen bei Hindemith in der Filmmusik, das war, um es einfach mal mitzumachen, nicht so sehr aus Lust und Laune. Es war ja damals alles sehr primitiv, viel konnte man auch nicht machen; meine Absicht, etwas synchron zum Bild zu machen, erregte ein Lächeln Hindemiths, er sagte, das können wir gar nicht hinkriegen, dass ihre Musik genau da einsetzt, wo da jemand anfängt zu Laufen… Versucht haben wir es glaube ich, aber die Apparate waren zu primitiv.

Waren denn damals der Film und der Ton schon zusammen auf einem einzigen Streifen oder ging das noch getrennt?

Bei uns damals noch nicht, wir hatten eigentlich nur ein Bild, wir sollten nur nach Bild arbeiten, vom Tonfilm war da eigentlich noch nicht die Rede. Es war dann irgendetwas gemacht worden an der Rundfunkversuchsstelle, irgend jemand hat da mit Tonfilm experimentiert, aber da kann ich nicht viel dazu sagen, das waren Dinge, die mich eigentlich damals wenig interessierten, es war einfach nichts mehr frei bei mir.

Dann hatten wohl auch keinen Einblick in die Kurse, die Butting gegeben hat, ob sie erfolgreich waren, ob sie gut besucht waren?

Nein, das habe ich nicht, das kann ich nicht sagen. Ob sie erfolgreich waren… nun ja… ich war – damals vielleicht noch nicht so sehr, aber es hat nicht lange gedauert – all dem gegenüber ein bisschen skeptisch geworden, einfach weil man natürlich schon erlebt hat in diesen ersten Jahren, wie der Rundfunk steil mit seiner Technik nach oben ging und wie es gar kein großes Problem mehr war, dass man auch Symphoniekonzerte und Solostücke übertragen konnte. Und dann habe ich selbst meine Erfahrungen mit dem Rundfunk gemacht, man spielt hier so ein neues Instrument und es kommt ja prima aus dem Lautsprecher. Also ich war da überhaupt skeptisch, dass man nun die Kompositionstechnik umstellen sollte, diese Skepsis hat sich natürlich später vergrößert. Es gibt kaum irgendwelche Sachen, die daraus dann kometenhaft rausgekommen sind und wirklich ohne die Rundfunkversuchsstelle nicht da gewesen wären. Trotzdem war die Rundfunkversuchsstelle als Einrichtung fabelhaft, und das mit dem Trautonium. wäre nicht passiert, wenn es sie damals nicht gegeben hätte.

Gab es denn neben der Rundfunkversuchsstelle auch noch andere Versuchsstellen dieser Art? Ich las beispielsweise, dass es bei der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft eine ähnliche Versuchsstelle gab, an der damals auch schon Hermann Scherchen mit dabei gewesen sein soll.

Davon weiß ich nicht sehr viel, weil ich ja erst mit dem Rundfunk in Berührung gekommen bin, als nun Musik auf dem Trautonium gewünscht wurde. Da war aber meiner Ansicht nach keine Rede, dass da vorher schon in dieser Hinsicht etwas gemacht worden war.

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    1. Franz Schreker, 1878-1934, war in den 1920er Jahren einer der erfolgreichsten Opernkomponisten (u.a. Der ferne KlangDie GezeichnetenDer Schatzgräber). Von 1920 bis 1931 war er Direktor der Berliner Akademischen Hochschule für Musik. []
    2. Arnold Schönberg, 1874-1951, war von 1925-1933 als Nachfolger von Ferruccio Busoni an der Preußische Akademie der Künste, dort leitete er einen Meisterkurs für Komposition. []
    3. Leo Kestenberg, 1882-1962, war eigentlich Konzertpianist und hatte 1921-1929 eine Klavierprofessur an der Berliner Musikhochschule. 1918 wurde er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Preußische Kultusministerium, dort führte er wesentliche bildungspolitische Reformen in Preußen durch(die sog. Kestenberg-Reform). []
    4. Max Butting, 1888-1976, war einer der ersten Komponisten, die sich mit der Musik im damals neuen Medium Rundfunk beschäftigte. Von 1928 bis 1933 war er Leiter eines Studios für Rundfunkinterpretation am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium und hielt nebenbei an der Rundfunkversuchsstelle der Berliner Hochschule für Musik Meisterkurse für Hörspielkomposition ab. Zudem setzte er sich für eine rundfunkspezifische Musik ein. []